Über was wir nicht sprechen wollen

Kennst du diese Gespräche, vor denen du dich fürchtest? Du hast Angst vor der Reaktion des anderen?

Für mich fühlt sich diese Angst wie ein riesiges Nilpferd an, was auf mir sitzt und ich liege da mit meinem Gedanken durchströmten Kopf. Das fühlt sich so ziemlich unangenehm an. Ich habe die Hoffnung wenn ich von mir und meinem Nilpferd erzähle, dass es sich dann mehr und mehr entfernt. Je mehr ich ihn betrachte und nicht so tue als wäre er nicht da, umso weniger Macht gebe ich ihm oder? Und das noch mit dir zu teilen zeigt möglicherweise, dass ich nicht die Einzige mit so viel Gewicht auf dem Kopf bin und dass wir nicht allein sind und zusammen dürfen wir uns bestimmt leichter fühlen.

Am Anfang war da gar kein Nilpferd. Es hat alles mit einem Gefühl angefangen, was ich eines Tages nicht ausgesprochen habe. Und wenn ich weiter in Bildern spreche, dann war es an diesem Tag sicherlich nur ein kleiner Schmetterling auf meinem Kopf. Wahrscheinlich dachte ich, ach das Gefühl vergeht einfach, ohne es auszusprechen oder großartig Beachtung zu schenken. Es gibt Momente, in denen ich mir mehr Sorgen mache was meine Gefühle und Worte mit meinem Gegenüber anstellen. Momente, in denen ich nicht will, dass der andere mich blöd findet oder sogar verlässt.

Nun ja ich habe in meinen 25 Jahren viel dazu gelernt und erlebt. Ich habe sehr oft meinen Mund gehalten und an manchen Tagen hat mein Inneres so richtig getobt und gewütet. Ich hatte Angst vor einem „Kampf“ im Außen und habe dann einen eigenen inneren „Kampf“ mit mir geführt. Und ich sage es dir ganz ehrlich: Das ist absolut ungesund. Der Verlierer bin immer ich. Im letzten Jahr habe ich an einem Workshop namens „Radical Honesty“ (Radikale Ehrlichkeit) teilgenommen, der mein Leben verändert hat. Und ich konnte mich nicht glücklicher schätzen, dass ich von meinen wundervollen Freundinnen begleitet wurde und wir das zusammen erlebt haben. Was denkst du wie es für mich war, nun zu üben bei den kleinsten Dingen meinen Mund aufzumachen und zu sagen was ich fühle. Eine der Kommunikationsregeln war es, sich immer als die wichtigste Person zu sehen. Das heißt auch, wenn gerade jemand anders erzählt was er fühlt, soll ich der Person sagen was seine Worte oder Gesten in mir auslösen. Hahahahaha na klar kein Problem für jemanden wie mich, die sich den größten Teil ihres Lebens zurückgehalten hat.

Radikale Ehrlichkeit hat mir einen Weg gezeigt, den ich wählen darf, um meine Gefühle authentisch und wahr auszudrücken. Es entfernt sich von irgendwelchen Konzepten und Vorstellungen in meinem Kopf. Ich spreche aus was ist. Ich fühle in meinen Körper hinein. Ich bleibe bei mir. „Ich mache mich wütend/ Ich bin wütend, weil du gesagt hast…“ Wenn ich zum Beispiel so einen Satz, natürlich vervollständigt, ausspreche, dann spüre ich meinen Körper. Ich fühle was es mit mir macht und spreche es aus. „Mein Herz klopft schnell. Meine Hände sind kalt und schwitzig. Mir ist übel.“ Und meine Worte werden höchstwahrscheinlich auch etwas in meinem Gesprächspartner auslösen. „Mein Herz klopft schnell und meine Hände zittern.“ Derjenige sagt: „Es macht mich traurig, dass du das sagst.“

Weg von irgendwelchem Kopf Wirr Warr. Weg von Trennung. Weg von Lästereien. Weg von lähmender Angst. Weg von Konzepten. Hin zur wahrer Authentizität, Verbindung mit mir selbst und anderen. Zur Gesundheit. Zu tiefen und ehrlichen Beziehungen. Zur Freiheit.

Meine Wahrheit immer mehr zu sprechen machte mir zu Beginn so viel Angst und auch heute darf ich mich liebevoll daran erinnern, dass es ein neues Verhalten ist, was ich Stück für Stück in mein Leben integriere. Es verändert sich eben etwas in mir. Mein System wird aufgerüttelt, neu erschaffen. Alte festgesetzte Emotionen freigesetzt und aufgelöst. Und wenn ich mich verändere, dann passiert eben auch viel im Außen, in meinen Beziehungen. Ich löse auch immer etwas in meinem Gegenüber aus. Und diese Kommunikation hat mir gezeigt wie gut es mir tut, mir und meinen Mitmenschen jedes Gefühl zu erlauben. Alles darf sein. Füreinander den Raum zu halten, in dem alles gesprochen werden darf. Ein Raum, in dem wir uns sehen und respektieren. Und vor allem ein Raum, in dem ich nicht für die Gefühle des anderen verantwortlich bin und er nicht für meine.

Für mich ist es die wahrhaftigste Kommunikation überhaupt. Auf, dass wir lernen die Schmetterlinge fliegen zu lassen, bevor es schwer wird.

Manchmal ist das, wovor wir am meisten Angst haben, das, was wir tun sollten, um uns zu befreien.

One thought on “Über was wir nicht sprechen wollen

  1. Liebe Luisa,
    authentisch sein ist wundervoll. Einfach SEIN….. so wie du bist.
    Ja, vielen Dank, und wenn du selbst authentisch bist, nimmst du deine Mitmenschen authentisch wahr und diese dürfen so sein wie sie sind.
    Viel Freude beim forschen und ich forsche mit.
    Herzliche Grüße Magdalena

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